adesso SE · Praktikum
Kapitel 4 von 6

📋 Anforderungen & KI

Wie entstehen Software-Projekte? Was sind User Stories – und wie hilft mir KI dabei?

4.1
Einführung in die Anforderungsanalyse
Was soll die Software eigentlich tun – und für wen?

Was ist eine Anforderung?

Bevor eine einzige Zeile Code geschrieben wird, muss klar sein: Was soll das System überhaupt können? Eine Anforderung beschreibt eine Eigenschaft oder Fähigkeit, die ein System haben muss – aus Sicht der Nutzer oder des Unternehmens.

Schlechte oder fehlende Anforderungen sind einer der häufigsten Gründe, warum Software-Projekte scheitern. Wenn man das Falsche baut – egal wie perfekt – ist es trotzdem falsch.

🏗️ Analogie: Hausbau ohne Bauplan
Stell dir vor, ein Auftraggeber sagt nur: „Bau mir ein Haus." Ohne Pläne, Skizzen oder Absprachen baut der Architekt nach Gutdünken – und am Ende wollte der Kunde eigentlich eine Villa, bekommt aber eine Garage. Anforderungsanalyse = Bauplan der Software.
⚙️ Funktionale Anforderungen

Was das System tun soll

  • Der Nutzer kann sich einloggen
  • Das System sendet eine Bestätigungs-E-Mail
  • Admins können Nutzer sperren
  • Das System berechnet die Gesamtsumme
  • Produkte können in den Warenkorb gelegt werden
🏎️ Nicht-Funktionale Anforderungen

Wie das System es tun soll

  • Seite lädt in unter 2 Sekunden
  • System läuft 99,9 % der Zeit (Verfügbarkeit)
  • Passwörter müssen verschlüsselt gespeichert werden
  • Oberfläche muss auf Mobilgeräten nutzbar sein
  • System muss 10.000 Nutzer gleichzeitig aushalten

🔍 Wer ist an einem Software-Projekt beteiligt?

💻 Software das Produkt 🏢 Auftraggeber zahlt, hat Vision 👥 Endnutzer benutzt das System 🔍 Business Analyst erhebt Anforderungen 👨‍💻 Entwickler setzt um 🧪 Tester / QA prüft auf Fehler 📌 Product Owner priorisiert Features

Wie werden Anforderungen ermittelt?

1

Stakeholder identifizieren

Wer ist betroffen? Wer nutzt das System? Wer zahlt dafür? Wer hat Einfluss? → Alle diese Personen sind Stakeholder und müssen einbezogen werden.

2

Anforderungen erheben

Interviews, Workshops, Beobachtungen, Fragebögen, Analyse bestehender Systeme. Wichtige Frage: „Was wäre, wenn…?" und „Was passiert, wenn…?"

3

Anforderungen dokumentieren

Als User Stories (agil) oder in einem Lastenheft (klassisch). Ziel: alle Beteiligten haben dasselbe Verständnis – kein Raum für Interpretation.

4

Prüfen & Priorisieren

Sind die Anforderungen vollständig? Widerspruchsfrei? Umsetzbar? Was ist „Must have", was „Nice to have"? Das MoSCoW-Prinzip hilft: Must / Should / Could / Won't.

5

Freigeben & pflegen

Alle Stakeholder bestätigen die Anforderungen. Und: Anforderungen ändern sich! In agilen Projekten ist das normal und eingeplant.

🔍 Lastenheft vs. Pflichtenheft

📄 Lastenheft Vom Auftraggeber „Was wir wollen" Grob, fachlich, aus Nutzersicht Kein technisches Wissen nötig 📑 Pflichtenheft Vom Auftragnehmer (z. B. adesso) „Wie wir es umsetzen" Detailliert, technisch, konkret Basis für Entwicklung & Abnahme
💡

Agil vs. Klassisch (Wasserfall)

Im klassischen Wasserfallmodell werden alle Anforderungen zu Beginn festgelegt – Änderungen sind teuer. Im agilen Vorgehen (Scrum, Kanban) arbeitet man in kurzen Zyklen (Sprints), und Anforderungen dürfen sich anpassen. Heute sind agile Methoden der Standard – auch bei adesso.

4.2
Was sind User Stories?
Anforderungen aus Nutzersicht – kurz, klar und umsetzbar

Die Idee hinter User Stories

Eine User Story ist eine kurze, einfache Beschreibung einer Funktion aus der Perspektive des Nutzers. Sie wurde in agilen Projekten populär und ersetzt lange, formale Anforderungsdokumente durch menschliche Sprache.

Das Ziel: Entwickler sollen verstehen, wer eine Funktion braucht, was die Person tun möchte, und warum – damit sie sinnvoll entscheiden können, wie sie es umsetzen.

🗣️ Analogie: Wunsch eines Kunden
Statt: „Das System muss eine Authentifizierungskomponente bereitstellen, die auf OAuth 2.0 basiert…"
Lieber: „Als Nutzer möchte ich mich mit meinem Google-Konto einloggen, damit ich mir kein weiteres Passwort merken muss."

Dasselbe Ziel – aber die zweite Variante versteht jeder sofort.

🔍 Das Standard-Format einer User Story

ALS [Nutzerrolle] z. B. „eingeloggter Kunde" MÖCHTE ICH [Aktion / Ziel] z. B. „meine Bestellungen sehen" DAMIT [Nutzen / Warum] z. B. „ich den Status verfolgen kann"

Beispiele aus einem Online-Shop

US-001 Produktsuche
Als Besucher des Online-Shops
möchte ich nach Produkten suchen können
damit ich schnell das finde, was ich kaufen möchte, ohne mich durch alle Kategorien klicken zu müssen.
✅ Akzeptanzkriterien
  • Eine Suchleiste ist auf jeder Seite sichtbar
  • Ergebnisse erscheinen in unter 1 Sekunde
  • Keine Treffer zeigt eine hilfreiche Meldung (kein leerer Bildschirm)
  • Suche funktioniert auch bei Tippfehlern (z. B. „Sneaker" → „Sneakers")
US-007 Bestellung verfolgen
Als eingeloggter Kunde
möchte ich den aktuellen Status meiner Bestellung sehen
damit ich weiß, wann mein Paket ankommt, und keine Supportanfrage stellen muss.
✅ Akzeptanzkriterien
  • Status wird in Echtzeit aktualisiert (versendet, unterwegs, zugestellt)
  • Voraussichtliches Lieferdatum wird angezeigt
  • Tracking-Link zum Paketdienstleister ist vorhanden
  • Benachrichtigung per E-Mail bei Statusänderung (optional einschaltbar)
❌ SCHLECHT So bitte nicht!
Als Administrator
möchte ich alles verwalten können
damit das System besser funktioniert.
❌ Probleme mit dieser Story
  • „Alles verwalten" ist zu vage – was genau?
  • Keine konkreten Akzeptanzkriterien
  • „Besser funktionieren" ist nicht messbar
  • Kein echter Nutzen aus Sicht des Nutzers
  • Diese Story müsste in 5–10 kleinere Storys aufgeteilt werden

Das INVEST-Prinzip – Checkliste für gute User Stories

Eine gute User Story sollte alle sechs INVEST-Kriterien erfüllen:

I
Independent
Unabhängig von anderen Stories – kann allein umgesetzt werden
N
Negotiable
Verhandelbar – nicht in Stein gemeißelt, kann angepasst werden
V
Valuable
Hat echten Wert für den Nutzer oder das Unternehmen
E
Estimable
Schätzbar – Entwickler können den Aufwand abschätzen
S
Small
Klein genug, um in einem Sprint (1–2 Wochen) fertig zu werden
T
Testable
Testbar – man kann prüfen, ob sie erfüllt ist (Akzeptanzkriterien)

🔍 Epic → User Story → Task – Die Hierarchie

🗺️ EPIC „Online-Shop mit Benutzerverwaltung, Produktkatalog, Warenkorb und Bezahlsystem" 🗂️ User Story „Nutzer kann sich registrieren" 🗂️ User Story „Nutzer kann Produkt kaufen" 🗂️ User Story „Nutzer bekommt Bestellbestätigung" 📌 Task Formular bauen 📌 Task API schreiben 📌 Task E-Mail testen Epics → Stories → Tasks = vom Groben zum Detail

Häufige Fehler beim Schreiben von User Stories

✅ So ist es gut
  • Aus echter Nutzerperspektive geschrieben
  • Konkret und spezifisch
  • Hat klare, testbare Akzeptanzkriterien
  • Klein genug für einen Sprint
  • Das „Warum" ist erklärbar
  • Verständlich für Nicht-Techniker
❌ So bitte nicht
  • Technisch formuliert (keine Nutzerrolle)
  • Zu vage: „alles", „besser", „irgendwie"
  • Keine Akzeptanzkriterien
  • Zu groß – dauert Monate
  • Kein erkennbarer Nutzen
  • Nur von Entwicklern verstehbar
4.3
KI als Arbeitshelfer
Chatbots sinnvoll einsetzen – kein Allwissender, aber ein starker Assistent

Was ist ein KI-Chatbot – und was ist er nicht?

Ein KI-Chatbot wie Claude oder ChatGPT ist ein Sprachmodell: Er wurde auf riesigen Mengen Text trainiert und kann darauf basierend Texte verstehen und generieren. Er ist kein Suchmaschinen-Index, kein Datenbank-Abfrager und kein denkender Roboter.

Der größte Irrtum: „Die KI weiß alles." – Nein. Sie kann plausibel klingende Dinge schreiben, die faktisch falsch sind. Deshalb gilt: KI ist ein Assistent, kein Entscheider.

👨‍💼 Analogie: Der sehr belesene Praktikant
Stell dir vor, ein Praktikant hat alles gelesen, was je geschrieben wurde – Bücher, Artikel, Foren, Dokumentationen. Er kann dir schnell einen Entwurf schreiben, Ideen brainstormen, Texte umformulieren oder Konzepte erklären. Aber er kann auch mal etwas falsch verstehen oder falsche Fakten mit Überzeugung vertreten. Du prüfst am Ende immer selbst.
✅ Was KI gut kann
  • ✍️Texte schreiben, umformulieren, zusammenfassen
  • 💡Ideen brainstormen und strukturieren
  • 📋User Stories aus einer groben Beschreibung ableiten
  • 🔍Konzepte erklären (auf jedem Niveau)
  • 📧E-Mails, Präsentationen, Berichte entwerfen
  • 🌍Texte übersetzen (gut für Standardtexte)
  • 🔎Fehler in Texten oder Logik finden
  • Fragen stellen, die du vergessen hast zu stellen
❌ Was KI nicht kann / nicht darf
  • 🔒Vertrauliche Kundendaten verarbeiten (Datenschutz!)
  • 📅Aktuelle Ereignisse kennen (Training hat ein Datum)
  • ✔️Fakten garantieren – immer prüfen!
  • 🧠Wirklich „denken" oder verstehen (simuliert es nur)
  • ⚖️Rechtliche oder medizinische Entscheidungen treffen
  • 🔑Passwörter, Zugänge, Credentials erhalten
  • 📊Interne adesso-Daten ohne Freigabe verarbeiten
  • 🎯Den menschlichen Blick und Kontext ersetzen

Praxisbeispiel: KI hilft beim Schreiben von User Stories

🤖
Claude (KI-Assistent)
adesso Cowork
Du (Praktikant)
Wir bauen eine App für Arztpraxen. Patienten sollen online Termine buchen können. Kannst du mir drei User Stories dazu schreiben?
Claude
Gerne! Hier sind drei User Stories für das Online-Buchungssystem:

US-01: Als Patient möchte ich freie Termine meiner Arztpraxis online sehen, damit ich ohne Telefonanruf einen passenden Termin finden kann.

US-02: Als Patient möchte ich einen Termin buchen und eine Bestätigungs-E-Mail erhalten, damit ich sicher bin, dass meine Buchung erfolgreich war.

US-03: Als Patient möchte ich meinen gebuchten Termin stornieren oder verschieben können, damit ich flexibel auf Änderungen in meinem Alltag reagieren kann.

Soll ich Akzeptanzkriterien für eine davon ausarbeiten?
Du
Ja, bitte für US-02, und füge hinzu: die Praxis soll auch eine Benachrichtigung bekommen.
Claude
US-02 – Termin buchen (aktualisiert)

Als Patient möchte ich einen Termin buchen und eine Bestätigungs-E-Mail erhalten, damit ich sicher bin, dass meine Buchung erfolgreich war.

Akzeptanzkriterien:
✓ Patient erhält innerhalb von 30 Sekunden eine Bestätigungs-E-Mail
✓ E-Mail enthält: Datum, Uhrzeit, Arzt und Adresse der Praxis
✓ Die Praxis erhält eine separate Benachrichtigung (E-Mail oder Systemhinweis) über den neuen Termin
✓ Der Termin wird im Praxiskalender als „gebucht" markiert
✓ Doppelbuchungen desselben Zeitslots sind nicht möglich

💡 Beachte: Die KI liefert einen guten Entwurf – aber du als Fachperson prüfst, ob die Anforderungen vollständig und korrekt sind. Zum Beispiel: Muss der Patient auch eine SMS erhalten? Was ist mit DSGVO-Anforderungen? Das weiß nur dein Team.

Wie schreibe ich gute Prompts?

Die Qualität der Antwort hängt direkt von der Qualität der Frage ab. Je mehr Kontext du gibst, desto besser die Antwort.

❌ Schlechter Prompt
„Schreib eine User Story."
Zu wenig Kontext – die KI rät und produziert etwas Generisches.
✅ Guter Prompt
„Wir entwickeln ein internes HR-Tool für adesso. Mitarbeiter sollen Urlaubsanträge digital stellen können. Schreib eine User Story im Format Als/Möchte/Damit, inklusive 3–4 Akzeptanzkriterien."
Kontext (wer, was, wo) + klares Format + gewünschte Details → deutlich bessere Antwort.
✅ Mit Persona / Rolle
„Du bist ein erfahrener Business Analyst bei einem IT-Dienstleister. Ich beschreibe dir ein Projekt und du stellst mir gezielt Rückfragen, um die Anforderungen zu klären."
Die KI übernimmt eine Rolle → strukturiertere, fachlich tiefere Antworten.
✅ Iterativ arbeiten
„Das ist gut, aber mach die Akzeptanzkriterien messbarer. Und füge einen Edge Case hinzu: Was passiert, wenn die E-Mail nicht zugestellt werden kann?"
Man muss nicht alles in einem Prompt lösen – verfeinere schrittweise.

🔍 Wo KI im Projektalltag bei adesso helfen kann

📋 Anforderungen User Stories generieren Akzeptanzkriterien vorschlagen Lücken im Konzept aufdecken 💬 Kommunikation E-Mails & Berichte entwerfen Präsentationen strukturieren Protokolle zusammenfassen 🔍 Recherche & Lernen Konzepte erklären lassen Technologien vergleichen Schnell in neue Themen einlesen 💻 Code-Unterstützung Code-Snippets erklären Fehlermeldungen verstehen Einfache Skripte entwerfen (prüfen!) Qualitätssicherung Testfälle vorschlagen Checklisten erstellen Review-Fragen generieren 🎨 Kreative Arbeit Namen & Konzepte brainstormen Ideen aus Kundenperspektive Workshop-Übungen entwerfen
⚠️

Datenschutz geht vor – immer!

Bei adesso gilt: Keine Kundendaten, keine personenbezogenen Daten, keine vertraulichen Projektinformationen in externe KI-Tools eingeben. Faustregel: Wenn du die Information nicht auf einem öffentlichen Aushang aufhängen würdest, gehört sie auch nicht in den Chatbot. Nutze KI für generische Aufgaben, Entwürfe und Lernen – nicht für echte Produktivdaten ohne Freigabe.

🚀

KI als Lernpartner für dein Praktikum

Du kannst KI nutzen, um neue Konzepte sofort erklärt zu bekommen: „Erkläre mir den Unterschied zwischen REST und GraphQL, als wäre ich Anfänger." Oder um deine eigenen Texte zu verbessern: „Ich habe diese User Story geschrieben – was fehlt noch?" Nutze KI als interaktives Nachschlagewerk und kritischen Lektor, nicht als Abgabe-Generator.